Leben einblenden

Gern greife ich zum Fotoalbum und blättere in Erinnerungen. Momentaufnahmen und Schnappschüsse von ersten Schritten und zweiten Chancen, dazu Gera und Thüringen vor fast 50 Jahren. 1964 wurde ich dort geboren.

Im Album sind es zwei Seiten, im Leben zehn Jahre: Ich halte meine erste Kamera in den Händen. Jedes Mal, wenn ich ein Foto schieße, kann ich es kaum erwarten, bis es entwickelt vor mir liegt.

Eine Seite weiter: 1978. Meine Familie und ich ziehen nach Potsdam. Die Achtziger, auf den Bildern werde ich größer. Die Bücher, die ich mir kaufe und ausleihe, sind nicht zu sehen. Ich verschlinge alles über Fotografie und beginne, Ihre Geheimnisse zu ergründen.

Auf den nächsten Seiten bin weniger ich drauf als vielmehr das, was ich mit der Kamera einfange. Hier bin ich wieder, als Student. Jeden Tag nach der Uni schnappe ich den Apparat, bin draußen bei den Motiven und danach in der Dunkelkammer. Ich kenne noch alle Handbewegungen. Seit Fotografie digital ist, sind sie Vergangenheit. Sie nützen mir aber noch immer, denn in ihrer Seele ist Fotografie gleich geblieben.

Ich blättere weiter, reife auf den Fotos – äußerlich und in dem, was ich tue. Ich drücke nicht mehr nur den Auslöser, sondern habe schon vorher das Bild im Kopf, das später entstehen wird. Gute Fotos sind eben kein Zufall.

Seite für Seite ein Stück Leben. 1991. Mein Hobby ist mein Beruf. Ich bin Fotograf in Berlin. Hier stehe ich vor einem Fotogeschäft, dort in einem Studio. Ich bin angestellt, assistiere, wünsche mir mehr Freiheit, arbeite darauf hin.

2002: Endlich – mein eigenes Fotostudio in Berlin. Auch das Album trägt jetzt meine Handschrift. Es zeigen sich auch die Brücken, die ich zwischen traditioneller Portraitfotografie und moderner Bildsprache geschlagen habe.

2007: Ich übernehme als Nachfolger das Fotostudio Koenig in Berlin Weißensee.

Letzte Albumseite, letztes Foto, jetzt ist jetzt. Im Kopf habe ich schon neue Motive. Aus anderen Blickwinkeln als vor 20 Jahren. Mit mehr Wissen, mehr Kompetenz und mehr Technik als einst. Neugier und Leidenschaft für meinen Beruf sind unverändert geblieben. Das Schönste an ihm ist, stets neuen und bekannten Menschen zu begegnen. Und die Freude über eine gelungene Arbeit ist unbezahlbar.

Fotografie ist gewollt – und ein nie endendes Experiment.

Ihr

Uwe Mueller